The Chi Chi Bang Bang Cthulhus

- Ghosts -

Man schätzt sie, die Spalter, Kerbenreintreiber und Harmoniehemmer - Kunst, die das Publikum polarisiert, dieses in Vergraulte und Verzückte teilt, wobei neben einer stets knisternden Nahtstelle dazwischen keinerlei Boden für Unentschiedenheiten eingeräumt wird. Für die einen, die Hasser, ist es der Zehennägelhochrollgarant schlechthin, die betörten anderen suchen unablässig nach Superlativen ihrer Wallung Ausdruck verleihen zu können.
Geschichte verläuft bekanntlich in Zyklen, die Kultur macht da gewiss keine Ausnahme. Reichlich überspitzt formuliert darf Kunst am stets wiederkehrenden Zenit ihrer Provomode, in den Hochphasen der Brüskierung, nur noch als gut gelten, wenn diese richtig gehasst werden kann, und, vor allen Dingen, auch gehasst wird. Das Konsensfähige kippt hinten über. Unumgängliche Unworte in diesem Zusammenhang: Kontrovers diskutiert. Nichts gegen Dreck aufwühlen, beileibe nicht, wo kämen wir denn dahin ohne gelegentlichem Sand im Getriebe, Schmutzwäschehochproduktionen und Störeffekthaschereien. Aber wenn sich der (Fuckinfeuilletton-)Fokus vornehmlich auf die Kreischer versteift, bleibt am Ende auch nur Bügelglätte. Olle Geschichte. Oder wie wurde es mal ganz treffend über das Nichtvorhandensein britischer Subkultur geäußert: Das Land ist viel zu klein für die Anzahl der Medien, als dass sich ein Untergrund jemals hatte entwickeln können. Klingt zu simpel, irgendwie tut es das, sicher, aber manchmal ist es schlichtweg nur simpel.

Musikalisch – um nur ein halbwegs aktuelles Beispiel zu nennen - setzten an diesem Punkt vor ziemlich genau zehn Jahren die Kings Of Convenience ein, als diese „quiet is the new loud“ deklarierten. Fraglich, ob man sich wirklich am gleichen Regler, dem der Lautstärke, festkrallen muss, nur um am entgegen gesetzten Ende der Skala sich extrovertiert gebaren zu können, wenngleich innovativ flüsternd. Quatsch, mag man dem entgegenhalten, das Volume war nur der Aufhänger. Gut. Aber Aufhänger für was denn dann? Gebt uns verdammt noch mal Inhalte! Da lag einem das ältere Shoegaze als die passiv-aggressive Herangehensweise bei weitem näher, wo sich dem Lärm bisweilen mit einer schüchternen Nachdrücklichkeit begegnet wurde, die vor der stets unumgänglichen Verposung auch tatsächlich neue oder neu anmutende Soundschichten freilegte, und aus diesen Wände zimmerte, auf denen mitunter wundersamste Tapetenmuster prangten. Vor der Verposung, wie gesagt. Bestes Exempel in diesem Zusammenhang, man ahnt es bereits: My Bloody Valentine.

Womit wir uns jetzt auch gar nicht mehr weit von den Chi Chi Bang Bang Cthulhus befinden, zumindest was den so genannten Geist der Musik angeht. Oder neudeutsch: Attitude. Aber bleiben wir mal besser beim Altdeutschen.

Jeder Lovecraftlover bleibt bei diesem Bandnamen unweigerlich am letzten Wort hängen. Hat es tatsächlich fast ein Jahrhundert gedauert ehe sich eine Formation dieses großartigen Namens annahm, beziehungsweise diesen im Bandnamen integrierte? Und war Chitty Chitty Bang Bang nicht so ein Kinderbuch vom James Bond Erfinder Ian Fleming über einen britischen Wunderoldtimer mit dem Herz am rechten Ölfleck und 2 ½ PS? Man sieht, ein wahres Assoziationskettengliedergerassel, das sich da losbrechen könnte. Bleiben wir jedoch beim feinen Geklirr, ohne dabei zu sehr ins Detail gehen zu wollen, so liegt die Düsterromantik dieses Namens zum einen natürlich in dem zu diesem Gottwesen Cthulhu entworfenen Mythos, zum anderen aber auch im letzten Willen seines Erschaffers begründet, der in seinem Testament darum bat, diese „irreale“ Urreligion in seinem Sinne fortzuführen.
Da schien jemand gewusst zu haben, was er wollte, wenn auch nicht, wie er es zu Ende führen sollte. Aber warum auch? Eine Weltflucht, die kaum lebensbejahender sein könnte, umso mehr, wenn offene Enden ins Jetzt hineinragen, zig Jahrzehnte später.

Die Cthulhus loten derartige Paradoxien weiter aus, ohne sich dabei an großen Gesten zu vergreifen.
„Ghosts“ will die Mystik ohne Schwulst, den naturromantischen Pop, eine hoffnungslose Romantik, wenn man so will. Dieser Aussichtslosigkeit vollauf bewusst, schwingt dennoch ein Trotzalledem und mehr noch eine immanente Verwunderung mit, weshalb die Dinge sich so gestalten, wie sie sich gestalten, weshalb man fühlt wie man fühlt und warum der gestrige Tag mit dem heutigen so wenig zu tun hat, obwohl nur Stunden dazwischen liegen. Eine Verwunderung, die sich auf den Hörer überträgt. Sofern er zuhört. Man weiß um die Notwendigkeit der Reduktion, sowie der Einfluss der „großen Alten“ (, um einen letzten Terminus der Cthulhu-Mythologie herbeizubemühen) niemals verleugnet, aber sich diesem ebenso wenig gebeugt wird. Eine Faith/Seventeen Seconds-Tristesse wird geschickt mit Laut-Leise-Mitteln umschifft, ohne dabei die Füße zu lange im Post- Rock-Pond baumeln zu lassen; den 4AD-Backkatalog der Achtziger/ Anfang Neunziger als Seekarte zur Hand, sieht man sich nicht dazu verleitet allein die Cocteau Twins als das nächstgelegene Festland zur Orientierung zurate zu ziehen. Wenngleich, wohlgemerkt, es das erst mal zu bewerkstelligen gilt, sich derartigen Übervätern zu nähern,

ohne vom Sirenengesäusel angelockt, gegen Klippen zu krachen. Genug des Namedroppings und der nautischen Metaphern, zumal die Geister, die auf diesem Album gerufen werden, weit mehr im Wald- und Wiesenwalhalla zu wandeln scheinen – Erdgeister eben. Der Elektronik sich alles andere als sperrend, schielen die The Chi Chi Bang Bang Cthulhus keinen Moment nach der Innovation. Sie ergehen sich nicht in Frickeleien, die die musikalische Wagschale zwischen Form und Inhalt zu Gunsten eines verwaschenen Soundforschens kippen lässt. Der Song steht im Vordergrund, und ehe man sich recht versieht tauchen dann doch die „unerhörten“, kleinen Verblüffungen auf, eben weil sie nicht herbeigezerrt wurden. Keine Eitelkeiten - so, wie es eben auch sein soll. Im Vordergrund und als Dreh-und Angelpunkt steht der weibliche Gesang, wobei auch in diesem Fall gilt, dass die Zurücknahme die Wirkung erst richtig zur Geltung kommen lässt. Ein „Wir könnten“ schwingt durch dieses Album, und unschwer ist er auch zu spüren, der Druck, der sich aber niemals wirklich entlädt. Der Ausbruch wird als Option bemerkt und hinter der schlichten und unaufdringlichen Attraktion der Melodien lauert dieser oft als Eventualität. Bisweilen baut er sich klammheimlich auf, verdeckt liegt der Finger-on- the-trigger und zuckt, wobei es niemals ernsthaft in Betracht gezogen wird, den Auslöser tatsächlich zu betätigen. Die Entladung erfolgt nach innen, der Song implodiert, nicht gleich und nicht immer gleich spürbar, weshalb die Spannung auch über Albumlänge aufrechterhalten bleibt. Nichtsdestotrotz wird stets nach dem Popsong gesucht, alles andere wäre ja auch Thema verfehlt. Aber die Hauptverkehrsadern werden tunlichst gemieden, Nebenstraßen waren und sind schon immer landschaftlich reizvoller gewesen. Und ruhiger, in erster Linie ruhiger. Wobei nochmals die Melodien Erwähnung finden sollten, da darin auch fraglos die Stärke der Band liegt. Aber selber hören, denn wenn „writing about music is like dancing on architecture“,- worin auch fraglos eine Wahrheit steckt- , dann dürfte das Schreiben über Melodien erst recht als eine halsbrecherische Zinne- und Giebelperformance gelten.

The Chi Chi Bang Bang Cthulhus fordern das Zuhören ein, ohne Parolenschwingerei, ohne trotzigen Schweigens, ohne Pose oder Kalkül. Man könnte sich wahrlich leichtere Routen zum Ruhm wählen, aber schlussendlich macht man eben die Songs, die man machen muss. Der Rest interessiert nicht. Eben das, worum es verdammt noch mal einfach geht.

written by Rainer Dinser